Ärztemarathon

Ich muss mich an dieser Stelle wirklich für die ganzen lieben Mails und damit verbundenen Worte bedanken. Es ist schön zu merken, dass die Leute sich dafür interessieren was ich hier schreibe und uns so tolle Dinge und Gedanken zukommen lassen.

Ich werde mich auch noch einmal separat mit den Leserfragen beschäftigen, aber eine Frage kam doch öfter vor und ich würde euch daher gern Einblick geben was mit Steve los ist. Die Frage nach seinem schweren Unfall vor ca. 3 ½ Jahren taucht tatsächlich immer wieder auf und wir freuen uns, dass die Leute offen damit umgehen.

Steve war mit Freunden zu einem gemütlichen Abend und zum Skateboardfahren verabredet und mit seinem besten Freund zu Fuß zum ausgemachten Treffpunkt unterwegs. Als er sich gerade auf sein Skateboard gestellt hatte um loszufahren, wurde er frontal von einem Auto erfasst in dem zwei weitere Freunde saßen, die das Auto noch schnell nach Hause bringen wollten. Der Aufprall war so heftig, dass sein Kopf ein Loch in die Windschutzscheibe schlug, sein Körper den Kühler zerrissen hat und die komplette Front stark demoliert wurde.Er blieb leblos liegen. Sein bester Freund reagierte sofort, leistete erste Hilfe und rettete somit sein Leben. Der gerufene Hubschrauber konnte leider nicht zum Unfallort fliegen begründet durch schlechte Wetterverhältnisse und als der Krankenwagen kam, war das Wichtigste die Wiederbelebungsmaßnahmen um die geringen Lebenszeichen, die man noch wahrnahm zu halten. Im Klinikum wurde er notoperiert. Koma…

Die Ärzte machten seiner Familie keine großen Hoffnungen…

Schädelhirntrauma 3. Grades
Kontusionsblutungen
Epiduralhämatom am Orbitadach
Frontalbasale Fraktur
Posttraumatische fokale Krampfanfälle
Komplette Unterschenkelschaftfraktur
Femurschaftfraktur
Proximale Unterschenkelschaftfraktur zweitgradig offen….und und und

Ich selbst war zu diesem Zeitpunkt nicht dabei, aber habe sehr viel mit Steve’s Mama geredet – und es hat mir jedesmal das Herz zerissen ihr zuzuhören wie sie über diese Zeit sprach…

Wie muss es für Eltern sein gesagt zu bekommen, dass sie sich verabschieden sollen? Es gibt keinen Begriff für Eltern, die ihr Kind verlieren… sie sind keine Waisen oder Witwen, es gibt kein Wort, das diesen Zustand beschreibt. Seine Familie hat nur noch funktioniert und den Anblick, den seine Mutter von ihrem Kind hatte, sagte sie mir, wird sie nie wieder vergessen können. Da liegt dein Kind demoliert und voller Blut. Es wird beatmet und du weißt nicht ob du jemals wieder seine Augen sehen wirst oder sein Lachen hören wirst. Die Ärzte sagen dir, das wird wohl nie wieder der Fall sein und du stehst da und kannst nicht glauben was gerade passiert. Steve wurde nach der Not-OP in eine Spezialklinik nach Bad Berka gefahren. Er konnte nicht geflogen werden, da sein Zustand zu instabil war… 3% Überlebenschance.

Seine Eltern kämpften für ihren Sohn – sie taten alles in ihrer Macht stehende um ihn zu unterstützen. Noch lebte er und das sollte gefälligst auch so bleiben.

Steve gilt als medizinisches Wunder. Durch die Arbeit der Ärzte und seinen unglaublichen Lebenswillen haben wir ihn hier – lebendig !

Er erwachte nach schier unendlicher Zeit aus dem Koma und musste alles neu erlernen. Denken, Atmen, Schlucken und natürlich auch Laufen. Es grenzt an ein Wunder, das er noch beide Beine hat, da eines so schwer beschädigt war, dass sie es fast hätten abnehmen müssen. Er hatte soviel an Gewicht verloren, seine Muskeln haben komplett abgebaut und was sich auch sehr stark verändert hat war sein Aussehen. Spiegel waren nach dem Erwachen aus dem Koma nicht sein Freund. Er konnte den Anblick nicht leiden den er dort hatte.

Er war nicht mehr er selbst und die Schmerzen waren unerträglich. Diese Hilflosigkeit in seinem eigenen Körper gefangen zu sein ist unvorstellbar. Du willst, aber es funktioniert einfach nicht. Während für alle anderen das Leben irgendwie ja weiter ging, stand die Zeit um Steve still. Er hasste es, er hasste diese Schmerzen, diesen Anblick und diese Hilflosigkeit. Ihm stand ein wahrer Marathon durch Kliniken und Rehamaßnahmen bevor. Die Liebe seiner Familie war ein großer Halt und heute knapp 3 ½ Jahre später ist es unglaublich.

PolaroidEr wird nie wieder komplett gesund sein und wir hoffen natürlich das es nicht passiert, aber auch die inneren Organe waren zu sehr geschädigt, sodass er gelistet ist und uns eventuell noch eine Lebertransplantation bevorsteht. Das bedeutet unter anderem auch: keinen tropfen Alkohol. Und es ist verblüffend in was man alles Alkohol findet. Es könnte ihn das Leben kosten und so passen wir unser Leben an. Das klingt nun einfacher als man denkt, aber ich wusste nie wie schwer es ist auf Alkohol zu verzichten, wenn dieses Gift überall verwendet wird. Auch die Ernährung musste umgestellt werden.

Nach diesen Strapazen mag es nebensächlich wirken… aber es ist ja doch relativ normal, das Männer in Steves Alter ab und an mal ein Bier trinken und er war vor dem Unfall ein leidenschaftlicher Biertrinker. Ab und an tut es mir für ihn sehr leid zu beobachten wie alle anderen um einen rum ohne ersichtlichen Verzicht leben und er ständig verzichten muss und unter Schmerzen leidet. Lange Schlafen ist auch nicht mehr möglich, denn wenn er seine Medikamente zu spät nimmt könnte es kritisch ausgehen. 3 mal am Tag muss er starke Tabletten schlucken. Für den Kopf, die Leber etc. Sie schützen ihn auch vor Krampfanfällen. Sein Körper ist über und über mit Narben versehen und auch wenn er es ungern zeigt sind selbst Spaziergänge keine einfache Sache. Seine Narben schmerzen und das Bein schwillt an. Nach ein wenig Anstrengung zerrt es an seiner Energie und er muss erst einmal schlafen.

Ich versuche ihm die Narben zu massieren und einzucremen um ihm etwas die Schmerzen zu nehmen. Das geht aber leider nur zu einem gewissen Teil. Wenn er die Schmerzen, die er hat wirklich zeigen würde, könnte ich glaub ich nur noch heulen.. und das nicht nur hormonbedingt. Es kommt noch dazu, dass man den Schädelbruch an seiner Stirn sieht und auch das Loch das durch die Beatmung geblieben ist, ist sichtbar. Man merkt richtig wie die Leute das gaffen anfangen.

Natürlich ist uns bewusst, dass nach diesem Erlebnis wichtiger Dinge bevorstehen um die man sich Gedanken machen könnte als Alkohol oder Spaziergänge. Aber es kommt nun mal der Alltag zurück indem solche Gedanken aufkommen und man einfach mal dasitzt und heulen könnte, weil es einem so unfair vorkommt. Dass wir uns ohne Bedingungen lieben und alles was uns noch bevorsteht zusammen meistern werden, ist eine gewisse Kraft, die uns weitermachen lässt. Das nach allem was passiert ist bald ein kleines Baby bei uns ist, das mit Liebe überschüttet wird, ist einfach das Größte!

Diese Woche standen wieder die regelmäßgien Untersuchen auf dem Plan, die Steve über sich ergehen lassen muss. Natürlich begleite ich ihn zu den Terminen unter anderem nach Erlangen ins Transplantationszentrum. Hier wird überprüft wie dringend er eine neue Leber braucht.

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Er möchte nicht, das ich die Behandlungen an sich mitbekomme, da er nicht will, dass ich ihn so sehe. Er möchte, dass ich ihn als starken, lebenslustigen Mann sehe – das tue ich natürlich in jeder Situation, aber ich respektiere seine Entscheidung und warte brav vor den Behandlungszimmern.

Ich denke man kann es Bildern entnehmen, die man von Steve sieht – ihn umgibt etwas ganz Besonderes, eine Ausstrahlung, die Menschen erreicht und so ist es trotz der Anstrengung, die diese Termine hervorrufen, immer wieder schön zu sehen, wie die Menschen auf ihn reagieren und ihm einfach nur in die Augen zu sehen. Das ist, was ich als mein Glück bezeichnen würde.. dem Lausbuben neben mir in die Augen zu schauen und zu wissen, dass er mich liebt und ich ihn liebe.

Unsere Kleine macht die Termine in meinem Bauch tadellos mit und strampelt immer, wenn der Papa die Hand auf den Bauch legt. Ich denke sie gibt ihm da ein High-Five um Kraft zu schenken. Aber wer weiß das schon ;)

Danke für eure Mails und eure Offenheit!

Mau & Steve

Ärztemarathon was last modified: Juli 7th, 2017 by ALVI – Alfred Viehhofer GmbH & Co. KG